"Als Emil fünf Jahre alt war, starb sein Vater, der Herr Klempnermeister Tischbein. Und seitdem frisiert Emils Mutter. Und onduliert. Und wäscht Ladenfräuleins und Frauen aus der Nachbarschaft die Köpfe. Außerdem muss sie kochen, die Wohnung in Ordnung halten, und auch die große Wäsche besorgt sie ganz allein. Sie hat den Emil sehr lieb und ist froh, dass sie arbeiten kann und Geld verdienen. Manchmal singt sie lustige Lieder. Manchmal ist sie krank, und der Emil brät für sie und sich Spiegeleier. Das kann er nämlich."
Und dann blättere ich mit meiner Tochter in der neuen "Neon", dort stürzen wir uns immer gemeinsam auf die Bilderrätsel - und was soll ich sagen - wir sind richtig gut. Nur in der Septemberausgabe rätseln wir wirklich. Nach Kinderbüchern wird dort gefragt. Aber die Helden meiner Kindheit sind nicht dabei, von den ihrigen nur wenige, sie ist auch mit den meinen vertrauter. "Post für den Tiger", das können wir noch wissen - schließlich lieben wir Janosch, den Rest aber kennen wir nicht. So schleiche ich ans Bücherregal und ziehe sie heraus, Pünkchen, Anton, Emil, Konrad, die dicke Berta, Negro Caballo und die anderen. Und lese...
Da schleicht die Wärme in mich hinein, die Kästner in jeden seiner Sätze gelegt hat. Zu einer Zeit, als auf Kinder noch vornehmlich eingedroschen wurde, da ist er ihnen mit Liebe, Verständnis und Humor begegnet. Und ich erinnere mich an die Zeit, als ich gerne so schlagfertig sein wollte wie Pünktchen. Gerne auch so reich, schließlich war die Küche so weit von ihrem Kinderzimmer entfernt, dass sie auf dem Weg dorthin immer schon wieder Hunger bekam. Oder so mutig wie Emil, der eine ganze Taschenräuberbande auffliegen lässt, mit Hilfe seiner Freunde. Oder so fürsorglich wie Anton, der für seine Mutter Salzkartoffeln und Rührei kocht, wenn sie krank ist. Und sie ist oft krank. Dabei schauen ihm dann Pünktchen und der kürzlich rasierte Dackel "Piefke" über die Schulter und denken, potzblitz, was für ein Junge! Da hatte es Konrad ein bisschen besser, der bekam vom Onkel immerhin Fleischsalat mit Himbeersauce und nachmittags auf dem Weg in die Südsee, bei einem Abstecher ins Schlaraffenland, Finger aus Frankfurter Würstchen angezaubert.
Und für die mutigen Kinder aus den Romanen von Kästner und für die Helden meiner Kindheit gab es heute Brot, Speck und Spiegelei. Ich gebe zu, die Eier in warmer Butter bei 70°C im Ofen gemacht zu haben - undenkbar für Anton oder Emil. Immerhin brauchten sie so ca. 40 Minuten und über die Energiekosten darf man dann natürlich nicht nachdenken. Sicher hätten die Jungs auch nicht über die Konsitenz eines perfekten Dotters sinniert und selbst Hervé This war damals noch nicht so weit, darüber nachzudenken. Aber es hat den Vorteil, dass man Zeit hat, in der Küche sitzen und "Der 35. Mai" lesen kann!