Gastbeitrag zur Weinrallye Nr. 38, "Underdog Scheurebe"
Es ist mir eine große Freude, zur Scheureben-Weinrallye den Gastbeitrag eines Autoren beherbergen zu dürfen, dessen nachdenklichen und tiefsinnigen Texte zum Wein ich über alle Maßen schätze. Ich gestehe übrigens an dieser Stelle nur zu gerne, dass der kleine Verweis in der Ausschreibung der Rallye auf die unter 5ha Scheurebe, die in der Schweiz wachsen, im wesentlichen als Köder für genau eine Person gedacht war. Und siehe da, der Fisch namens Peter hat prompt angebissen: Auf der Suche nach der ScheurebeVon Peter Züllig Mit der Scheurebe verbindet mich wenig; um es genau zu sagen: nichts. Wohlig habe ich mich mit meinen Franzosen eingerichtet, ab und zu ein Spanier, wieder einmal ein Italiener und ? weil es mein Nachbar ist ? halt auch ab und zu ein Österreicher, nicht zu vergessen die von mir neuentdeckten Südafrikaner (WM-sei-Dank) und natürlich der deutsche Kaiser Riesling, der ohnehin nicht vom Thron zu stürzen ist. Was brauche ich noch eine Scheurebe? Wäre da nicht meine angeborene (oder antrainierte) Neugier. In der Schweiz soll es Scheureben geben, 4,7 Hektaren, das sind gerade mal 0,03 Prozent der gesamten Rebfläche in der Schweiz. Was machen die par versprengten Aussenseiter im Land des Chasselas, Müller-Thurgaus, des Pinots und Merlots? Ich mache mich auf die Suche. Recherchieren, googeln allein bringt da wenig!
Eine erste heisse Spur führt in die Bündner Herrschaft, dorthin wo die besten Pinots (der Schweiz) wachsen. Das Weingut Stäger im Heidi-Dorf Maienfeld gehört zu den ?Geheimtips? im Bündnerland und seine Scheurebe Auslese zu den besten Süssweinen der Schweiz. Eigentlich nur noch von den Walliser ?Flétri? übertroffen, dachte ich. Auch im Kanton Genf soll es ? als Alternative zu den klassischen Rebsorten der Westschweiz ? ein paar Scheureben geben. Da hilft mir der Zufall ? oder das gelernte Recherchieren. In einem Restaurant am Zürichsee wird eine Scheurebe, trocken, aus der Umgebung angeboten. Rasch einmal ist der Winzer ausgemacht, denn am Zürichsee, vor allem am Obersee, gibt es zwar ein paar Rebberge, aber kaum vollberufliche Winzer.
Das Weingut Clerc Bamert ? eigentlich auf der ?falschen? Uferseite gelegen ? hat eine ganz besondere Lage am Buchberg, einem vorgelagerten Hügel. Hier liegt der kaum bekannte Weinberg am ?Sonnenrain? im Buobental. ?Die nördlich und östlich angrenzenden Wälder schützen vor Biswind und speichern die Tageswärme bis tief in die Nacht?, schreibt der Winzer auf seiner ?Home-Page?. Wie recht hat er. Ich kenne das Gebiet, bin ich doch auf der andern Seeseite, genau gegenüber Nuolen aufgewachsen. Winnetou und Old Shatterhand sind damals oft zum Buchberg ?geritten?. Dass es in der Gegend, wo wir einst den Marterpfahl errichtet und den Tod Winnetous nachgespielt haben, auch Rebberge gibt ? zumindest seit 1997 ? ist mir bisher entgangen. Rebberge mit Rebsorten, die in der Schweiz eher selten sind: Blaufränkisch, Zweigelt, Dornfelder, Garanoir, Seyval blanc, Sauvignon blanc und ? wer hätte es gedacht ? Scheurebe. Die süss ausgebaute Scheurebe ? Bamert baut Scheurebe auch trocken aus ? wurde schon mit dem Titel ?Ambassadeur du Vin Suisse? ausgezeichnet.
Ja - dies alles ist mir bisher entgangen. Also nichts wie los! Auf zu schweizerischen Scheureben. Es ist eine Fahrt von knapp 25 Kilometern bis zum Winzer. Die Marterpfähle von einst sind tatsächlich durch Reben ersetzt worden und dort, wo Winnetou gestorben ist, spielen jetzt gepflegte Herren gepflegten Sport: Golf. Und da, am Waldrand, in wunderschöner Lage, weiden nicht mehr Kühe. Der Bauernhof ist zum Weingut geworden. Nur die nahe Kiesgrube hat den ?Geist des Llano estacado? bewahrt. Jugenderinnerungen!
Was ich aber da angetroffen habe, auf der Suche nach der Scheurebe, hat mich ordentlich beeindruckt: der Winzer, das Weingut und der Wein. Wir sprechen im modernen ?Hofladen? nicht ? wie einst ? über die heimliche Liebe Winnetous zu Ribanna, sondern über die Liebe zum Wein. Clerc Bamert weiss was er will: nicht irgend ein paar Dutzendweine zu machen, dafür sind seine Rebberge zu klein (4, 7 Hektaren) und die Lage am sonnigen Hügel beim See zu speziell. Hier entstehen Weine im ?anspruchsvollen? Segment, weisse wie rote, trockene wie süsse.
Bei dieser kurzen Visite habe ich mich auf die Scheurebe konzentriert. Ein paar Rotweine ? alles ?Spezialitäten? habe ich hingegen mitgenommen um zu Hause in aller Ruhe zu überprüfen, ob sich der erste begeisterte Eindruck von Bamert-Weinen auch auf die Roten überträgt. Die ?Prüfung? steht noch aus. Bleiben wir bei der Scheurebe. Zuerst bei der trocken ausgebauten. Jahrgang 2008 mit 3 g/l Restzucker, ein klassisch trockener Wein mit ganz speziellen Aromen, unverwechselbar, ich bin versucht zu sagen: einmalig. Natürlich kann man die üblichen Begriffe, anwenden, sie aufzählen: saftige Äpfel, Pfirsich, Zitronenmelisse, eine ganze Palette von Zitrusfrüchten. Dies alles vermag aber nicht zu beschreiben, was ich wirklich im Glas habe. Da spielen Frische, Harmonie, Säure, Alkohol, Bouquet, Abgang genau so eine Rolle, wie der ?Fruchtspiegel?, der doch leicht zu erstellen ist. Es ist die erste Scheurebe, die ich kritisch bewusst verkoste. Auch den Vergleich zum Riesling darf ich mir inzwischen gestatten (nach vielen Weinreisen ins Land der Rieslinge). Diese Scheurebe vom Zürichsee kann standhalten. Mehr noch: sie kann ihre Eigenständigkeit bewahren und trotzdem (oder gerade deshalb) neben dem Riesling bestehen. In ihrer etwas rauheren, etwas ausgeprägten Art. Der soeben abgefüllte 2009 war dann mit 8 g/l Restzucker und ganz frischer Säure noch breiter in den Aromen, wohl auch noch etwas filigraner, doch für mich eindeutig zu süss. Keine breite, pappige Süsse. Nein - frisch, spritzig, mit viel Verve. Ein anderer Jahrgang, fast ein anderer Wein.
Und nun zum Höhepunkt: Scheurebe edelsüss, 2008. Als Sauternes-Erprobter bin ich ? erfahrungsgemäss ? bei Süssweinen immer sehr skeptisch. Es braucht recht viele Nuancen und Aromen, ein breites Säurespiel und eingebundene ?Nebengeräusche? bis ich einen Süsswein nicht mehr als mit Zucker gepanschten Wein klassiere. Mag ungerecht sein. Doch das Süss-Sein muss doch (für mich) mit einem verhältnismässig hohen Alkoholgehalt gepaart sein; in der Süsse müssen Kraft und Aromen spürbar sein, sonst verkommt der Zuckerschleck zu einem vordergründigen Vergnügen. Diese edelsüsse Scheurebe aber ist ? vielleicht gerade wegen seines geringen Alkoholgehalts (8.0 vol%) ? eine feine, elegante, fast schon leicht kapriziöse Dame, eigenwillig, aber unendlich liebenswert, reine Verführung. Besser kann ein Süsswein kaum sein, vor allem nicht in seiner Jugend.
Genug des Schwärmens. Zurück zur Sachlichkeit. Es gibt die Scheurebe also auch in der Schweiz. Die Suche nach ihr hat mich um eine tolle Wein-Erfahrung reicher gemacht. Dazu noch die Erkenntnis: Das Gute liegt oft so nah.
Link zum Weingut: http://www.clercbamert.ch
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